Tatjana Geringas


Pianistin

Tatjana Geringas entstammt einer Moskauer Musikerfamilie und erhielt im Alter von fünf Jahren den ersten Klavierunterricht von ihrem Vater. Sie studierte am Moskauer Tschaikowsky Konservatorium bei Heinrich und Stanislav Neuhaus. Mit ihrem späteren Mann, dem Cellisten David Geringas, spielte sie oft vor Mstislav Rostropowitsch, es folgten zahlreiche Konzerte in der ganzen Sowjetunion sowie Rundfunk-, Fernseh- und Schallplattenaufnahmen.

Nach der Übersiedlung in die Bundesrepublik erfolgte 1977 das vielbeachtete Debüt bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen und in der Berliner Philharmonie. Seitdem spielte sie mit David Geringas in den großen Konzertsälen aller fünf Kontinente und unterrichtete die neue Generation in Deutschland, Japan und Italien. Für die Gesamtaufnahme der Werke von Alfred Schnittke erhielten sie gemeinsam den Preis der deutschen Schallplattenkritik 2007.

Als Autorin veröffentlichte Tatjana Geringas 2017 mit den autobiografischen Impressionen "Unterwegs", in denen sie ihre Erinnerungen an Moskau, die Emigration, ihre Familie und ihr neues Leben in Hamburg und nun Berlin versammelt. Ihre jetzt vorliegenden Erzählungen sind ihr literarisches Debüt.

Tatjana Geringas comes from a musicians family of Moscow and received the first piano lessons from her father at the age of five. She studied at the Moscow Tchaikovsky Conservatory with Heinrich and Stanislav Neuhaus. With her husband, the cellist David Geringas, she often played in front of Mstislav Rostropovich, followed by numerous concerts throughout the Soviet Union as well as radio, television and LP recordings.

After moving to Germany in 1977, the much-noticed debut at the Ludwigsburg Castle Festival and in the Berlin Philharmonic Hall. Since then, she has played with David Geringas in the major concert halls of all five continents and taught the new generation in Germany, Japan and Italy. For the complete recording of Alfred Schnittke's works, they jointly received the Preis der deutschen Schallplattenkritik 2007.

As a writer Tatjana Geringas published in 2017 with the autobiographical impressions "Unterwegs", in which she brings together her memories of Moscow, emigration, her family and her new life in Hamburg and now Berlin. Her present narratives are her literary debut.

Biographie


Tatjana Geringas entstammt einer Moskauer Musikerfamilie. Ersten Klavierunterricht erhielt sie im Alter von fünf Jahren von ihrem Vater, der Neuhaus Schüler war. Mit 18 Jahren trat sie mit dem A-Dur Klavierkonzert von Mozart erstmals an die Öffentlichkeit (das Konzert wurde im Fernsehen übertragen). Daraufhin wurde sie von Prof. Heinrich Neuhaus in die Meisterklasse am Tschaikowsky Konservatorium aufgenommen. Nach dem Tod des berühmten Lehrers setzte sie ihr Studium bei dessen Sohn Stanislav Neuhaus am Moskauer Konservatorium fort.

Mit David Geringas, den sie während dieser Zeit kennenlernte, spielte sie oft vor Mstislav Rostropowitsch, zahlreiche Werke studierte sie mit ihm ein. Das Duo-Spiel wurde ihre große Leidenschaft. 1970 debütierten David und Tatjana Geringas im Großen Saal des Moskauer Konservatoriums. Es folgten zahlreiche Konzerte in der ganzen Sowjetunion sowie Rundfunk-, Fernseh- und Schallplattenaufnahmen.

Sie unterrichtete am Akademischen Musikkolleg bei Tschaikowskij-Konservatorium in Moskau – älteste Musikkolleg Moskau, der in 1891 gegründet wurde.

Nach der Übersiedlung in die Bundesrepublik erfolgte 1977 das vielbeachtete Debüt bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen und in der Berliner Philharmonie. Seitdem gibt sie mit David Geringas hochgelobte Rezitale in den großen Konzertsälen aller fünf Kontinente und zählt mit ihm weltweit zur ersten Garde der Formation Cello und Klavier. Gemeinsam mit Prof. David Geringas unterrichtete sie die neue Generation der internationalen Cellisten-Elite, begleitete diese bei internationalen Wettbewerben. Hohes Lob erhielt sie unter anderem von Mstislav Rostropovich, Pierre Fournier, Isaak Stern, Raya Garbousova, Leonard Rose und Antonio Janigro.

Als Dozierende an der Musikhochschule Lübeck, vertrat sie oft Prof. David Geringas. In Japan führte sie einige Jahre internationale Klaviermeisterkurse beim Aspen-Festival in Kanazawa. An der berühmten Scuola Musica Fiesole in Italien führte sie sieben Jahre lang eine gemeinsame Klasse mit Prof. David Geringas.

Zahlreiche Komponisten haben Tatjana Werke gewidmet: Kzsystof Meyer, Viktor Suslin, Erkki-Sven Tüür, Friedhelm Döhl, Anatolijus Senderovas, Vytautas Barkauskas, Osvaldas Balakauskas und andere.

Für die Gesamtaufnahme der Werke von Alfred Schnittke erhielt sie gemeinsam mit David Geringas den Preis der Schallplattenkritik 2007. Auf dem Label Es-Dur erschienen Werke von Schubert, Schumann, Brahms, Richard Strauss, Schulhof.

Tatjana Geringas wirkte bei den Uraufführungen der Doppelkonzerte „Paratum cor meum” (1995) für Violoncello, Clavinova, Chor und Orchester von Anatolijus Senderovas in Vilnius unter der Leitung von Robertas Shervenikas und „Blissful Music” (1997) für Violoncello, Klavier und Orchester von Alexander Raskatov in Seattle unter der Leitung von Dmitry Sitkovetsky.

Tatyana Geringas comes from a Moscow musician family. At the age of five, she received her first piano lessons from her father, Neuhaus' pupil. At the age of 18 she performed the A-Major Piano Concerto by Mozart for the first time (the concert was broadcast on TV). She was then taken to the Prof. Heinrich Neuhaus’ master class at the Tchaikovsky Conservatory. After the passing of the famous teacher, she continued her studies with his son Stanislav Neuhaus at the Moscow Conservatory.

With David Geringas, whom she met during this time, she often played for Mstislav Rostropovich, studying numerous works with him. Playing in duo became her great passion. In 1970, David and Tatyana Geringas debuted in the Great Hall of the Moscow Conservatory, and then numerous concerts in the whole Soviet Union as well as radio, television and record recordings followed.

She taught at the Academic Music College at the Tchaikovsky Conservatory in Moscow, the oldest music college in Moscow, founded in 1891.

After Tatyana moved to Germany, the much-respected debut took place at the Ludwigsburger Schlossfestspiele and the Berliner Philharmonie in 1977. Since then, she has been playing highly praised recitals with David Geringas in the great concert halls on all five continents, and they are among the world's first guards of the formation cello and piano. Together with Prof. David Geringas, she taught the new generation of international Cello-elite, accompanied them at international competitions. She received high praise from Mstislav Rostropovich, Pierre Fournier, Isaak Stern, Raya Garbousova, Leonard Rose and Antonio Janigro.

As a professor at the Musikhochschule Lübeck, she often represented Prof. David Geringas. In Japan, she held several years of piano master classes at the Aspen Festival in Kanazawa. At the famous Scuola Musica Fiesole in Italy, she led a joint class with Prof. David Geringas for seven years.

Numerous composers have dedicated works to Tatyana: Kzsystof Meyer, Viktor Suslin, Erkki-Sven Tüür, Friedhelm Döhl, Anatolijus Senderovas, Vytautas Barkauskas, Osvaldas Balakauskas and others.

For the complete recording of the works by Alfred Schnittke, she received the prize of the "Schallplattenkritik" together with David Geringas. The works of Schubert, Schumann, Brahms, Richard Strauss and Schulhof were released by “Es-Dur” label.

Tatjana Geringas was the first performer of Double concerto for cello, clavinova, chorus and orchestra by Anatolijus Senderovas in Vilnius under the direction of Robertas Shervenikas and "Blissful Music" (1997) for violoncello, piano and orchestra by Alexander Raskatov in Seattle under the direction of Dmitry Sitkovetsky.

AKTUELL


Porträt Tatjana Geringas

Jan Brachmann

Ein früher Märznachmittag in Berlin: Es ist kalt, nass und windig. Wir sitzen gemütlich in der Küche bei David und Tatjana Geringas. Es ist das Haus, in dem die Dichterin Maria Zwetajewa eine Zeitlang lebte. Ich warte auf David, der noch zu tun hat. Wir sind zu einem Gespräch über Litauen und litauische Musik verabredet, und es gibt wenige, die darüber so fesselnd, aus eigener Erfahrung heraus erzählen können wie er – nicht nur, weil er in Vilnius geboren wurde, was allein noch nichts heißen muss, weil viele in Vilnius geboren wurden und trotzdem nichts zu erzählen haben. Nein, weil David so viele Komponisten kennt, als Cellist deren Werke zur Uraufführung gebracht hat und, wenn er in Stimmung kommt, als Kenner und Liebhaber von Joseph Brodsky auch herrlich fabulieren kann.
Während ich warte, hat Tatjana Tee gekocht. Sie ist Moskauerin, obwohl eigentlich in Klin, ein paar Kilometer von Moskau entfernt, geboren. Wir plaudern, so lange David im Nebenzimmer noch zu tun hat. In all der Behaglichkeit – und sie wächst mit jeder geleerten Tasse - werde ich so unvorsichtig, von Moskau zu schwärmen, wo ich einige Sommer verbracht habe. Zauberhaft sei es gewesen, Mitte Juni vom Petrowski Boulevard weiter zum Strastnoj Boulevard zu spazieren, rechts und links vom Fußweg die vielen Blumen, küssende Liebespaare auf den Bänken am Sommerabend, braungebrannte Jungs mit freiem Oberkörper, die Gitarre oder Saxophon spielen, ab und an ein graziles Mädchen auf einem stolzen Pferd beim abendlichen Ausritt und am Ende das Denkmal für Sergej Rachmaninow, der zwischen spät blühenden Tulpen auf einem Stuhl sitzt und auf das blühende Leben um ihn herum blickt.
„Ach, Jan“, sagt Tatjana. Wir reden uns nach russischer Sitte beim Vornamen an, bleiben aber beim Sie. „Ach, Jan“, sagt sie also und schüttelt den Kopf dazu. „Wenn Sie von Moskau erzählen, dann klingt das wie Musik von Schubert. Aber Moskau ist nicht so. Wenn ich nach Moskau komme, werden meine Knochen schwer wie Blei, ich kann kaum noch atmen und will gar nicht mehr das Zimmer verlassen. Moskau ist eine harte, eine bittere Stadt“.
Tatjana Geringas ist eine typische Moskauerin. Umstandslose Herzlichkeit verbinden sich bei ihr mit einem tief einverleibten Misstrauen gegenüber Sentimentalität. Leicht zu beeindrucken ist sie nicht, aber sie kennt auch keinen falschen Stolz. Wenn die Deutschen, die Russland zu lieben glauben, ohne es zu kennen, anfangen, von der „russischen Seele“ zu raunen, rollt sie mit den Augen: „Russische Seele! Was soll das sein? Das ist doch nichts als die Erfindung überspannter Figuren aus den Romanen von Dostojewski!“ Tatjanas Eltern arbeiteten beide im Tschaikowsky-Museum in Klin, dem letzten Sommerhaus von Peter Tschaikowsky. Auf Tatjanas Flügel in Berlin, sie ist eine Pianistin von großem Können und erlesenem Geschmack, steht heute noch ein altes Schwarzweißfoto, das sie selbst als drei- oder vierjähriges Mädchen zeigt auf dem Schoß eines lachenden alten Mannes mit Bart und weißem Anzug. Es ist Tschaikowskys Neffe, der Sohn von dessen Schwester Alexandra. Nur einen Händedruck also ist man von Tschaikowsky entfernt, wenn man Tatjana die Hand reicht. Liest man Zeugnisse, wie Tschaikowsky im geselligen Umgang war, dass er mit einfachsten Worten Dinge zu sagen wusste, die nie trivial waren, dann muss sich etwas von dieser Atmosphäre, von dieser Gabe auch auf Tatjana übertragen haben.
Wie das Leben in der Familie Schatz aussah, einer Musikerfamilie, in die Tatjana in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, Ende April 1945, hineingeboren wurde, das hat sie selbst in einer der Erzählungen dieses Bandes beschrieben – mit der Fähigkeit, sich in die Weltsicht eines kleinen Kindes zurückzuversetzen. Eines Kindes, das einfach nur verzaubert war, wenn der Vater, Schüler des großen Pianisten Heinrich Neuhaus, Klavier spielte; eines Kindes, das früh dem Ehrgeiz seiner Mutter standhalten musste; eines Kindes, das durch die Großmutter eingeführt wurde in ein christliches Brauchtum, das unter den Bedingungen des sowjetischen Staatsatheismus nur im Untergrund gepflegt werden konnte.
Tatjana Schatz wurde Pianistin wie ihr Vater, hatte den gleichen Lehrer wie er und setzte nach dessen Tod ihr Studium bei dessen Sohn Stanislaw Neuhaus fort. Am Konservatorium lernte sie einen jungen litauischen Studenten im Fach Violoncello kennen. Er beeindruckte sie, sie beeindruckte ihn. Und ehe er sich’s versah, bekam er einen Heiratsantrag von ihr. Da hatten sie beide das zwanzigste Lebensjahr erst knapp überschritten. David und Tatjana Geringas sind seit mehr als einem halben Jahrhundert ein Paar – im Leben wie in der Kunst. Vom frühen Besuch der Stunden bei Davids Lehrer Mstislaw Rostropowitsch bis zu den vielen Konzerten in aller Welt haben die beiden ein Leben geführt, das von der Liebe zur Musik bestimmt ist, aber immer auch dem Leistungs- und Verantwortungsdruck dieses Berufs ausgesetzt war.
Seit ein paar Jahren spielt Tatjana Geringas in der Öffentlichkeit nur noch selten, aber entdeckte plötzlich das Schreiben für sich. So ungewöhnlich ist das gar nicht, dass Pianisten schreiben. Alfred Brendel fing ja schon an, Gedichte zu veröffentlichen, als er noch auftrat. Ketil Bjørnstad schreibt Romane, Gedichte und Liedtexte, deren eigene Vertonungen er oft selbst zur Aufführung bringt. Und die aus Estland stammende Pianistin Käbi Laretei, zeitweise die Frau des schwedischen Regisseurs Ingmar Bergman, hat viele Bände mit Erzählungen und Erinnerungen veröffentlicht, während sie noch Konzerte gab.
Bei Tatjana Geringas kam der Impuls zum Schreiben ursprünglich aus dem Bedürfnis heraus, ihrem Sohn Alexander und dessen Töchtern etwas zu hinterlassen – die Geschichte der eigenen Jugend, der Umstände, unter denen sie und David sich 1975 zur Emigration aus der Sowjetunion entschlossen, des Neuanfangs in Deutschland, der ungeschönten Darstellung innerfamiliärer Verwerfungen voller Vorwürfe, überzogener Ansprüche und Enttäuschungen. „Meine Frau ist eine Schriftstellerin geworden“, sagte David eines Tages. Er war ziemlich erstaunt, aber auch stolz. „Wenn Sie mögen, dürfen Sie es lesen“, sagte mir Tatjana und gab mir ihre ersten Erzählungen.
Da ist die Geschichte eines Jungen, der unbedingt Pianist werden muss, weil seine Mutter es will, ohne dass er selbst eine Neigung dazu hätte. Aus ihr spricht die illusionslose Sicht einer professionellen Künstlerin, die oft genug erlebt hatte, dass Musik nicht für jeden Menschen das große Lebensglück sein muss und die schon lange nicht mehr dem Traum anhängt, dass Kunst uns zwingend zu besseren Menschen machen würde. Aber sie beschreibt dies alles, sogar in der beinahe bitteren Erzählung „Der Hut“, ohne Zynismus, ohne Sarkasmus, mit Distanz zwar, aber niemals ohne Empathie.
Diese Spannung aus Abstand und Mitgefühl erinnert an die Romane von Iwan Turgenjew, so wie die Atmosphäre von Tatjana Geringas’ Kindheitserinnerung von ferne auch Turgenjews Prosagedicht „Wie waren einst so schön, so frisch die Rosen“ nachklingen lässt – mit dem kleinen Pianino im Sommerhaus und der melancholischen Reflexion auf die Unwiederholbarkeit von Zeit. Tatjana Geringas beschreibt sehr klarsichtig, wie Menschen voreinander Theater spielen, wie sie sich ihre eigenen Bedürfnisse nicht eingestehen oder andere mit ihren Ansprüchen krankmachen. Sie beschreibt, wie Menschen sich selbst entgleiten und wie kein Glück der Welt helfen kann, ihnen Lebensfreude zu schenken. Aber sie beschreibt auch, wie das Glück sich oft anders einstellt, als Menschen es sich erwartet hatten: auf Umwegen, durch Überraschungen, aus Enttäuschungen, die Gutes bewirken. Anton Tschechow hatte diesen diagnostischen Blick auf den Menschen, ohne sein Mitgefühl für jene zu verlieren, die in ihren eigenen Täuschungen gefangen bleiben und sich dadurch sogar lächerlich machen.
Tatjana Geringas sagt, dass sie die Auseinandersetzung mit anderen literarischen Texten gar nicht suche. Meistens ist sie überrascht, wenn man ihr mit irgendeinem Vergleich kommt. Angeblich schreibt sie nur aus eigenem Beobachten und eigenem Erleben heraus. Aber dann kann es passieren, dass sie unvermittelt ein Ostergedicht von Igor Sewerjanin zitiert und damit nicht nur eine verblüffende literarische Bildung, sondern auch einen ausgesucht feinen Geschmack beweist. Es ist die reiche Bildung ihrer Kindheit und Jugend in Russland, tief abgesunken bis ins Unterbewusste, die ihre eigene Kreativität bis heute nährt – neben der Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Gegenwart. Durch Bildung und Ausbildung, Musik und Literatur hat Tatjana Geringas in sich selbst ein Land mitgenommen, das sie als Lebensraum nie besessen hat: das bessere Russland. „Alles, was gut und schön war an Russland, haben wir in uns mitgenommen in eine Welt, wo wir endlich frei atmen konnten“, sagt sie. Der Antisemitismus – David kommt aus einer jüdischen Familie, Tatjanas Vater auch – hatte ihnen neben der politischen Gängelung ihres Mentors Rostropowitsch, der sich für den Dissidenten Alexander Solschenizyn eingesetzt hatte, in der Sowjetunion das Leben schwer gemacht. Das waren die drückendsten Gründe gewesen, damals das Land zu verlassen. „Unsere alte Heimat hat uns weggestoßen, und eine neue hat uns umarmt“, beschreibt Tatjana Geringas ihre Erfahrung. Das Ineinander von Verlust und Befreiung, von Entfremdung und Erkenntnis hat sicher auch produktiv auf ihre Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, das Beobachtete sprachlich zu fassen, gewirkt. Man kann ihren Kommentaren zu Los Angeles die innere Spannung der Kulturen noch immer anmerken, gemildert durch eine gutmütige Selbstironie.
So spät Tatjana Geringas nach einem Leben als Musikerin nun ihre Stimme als Autorin gefunden hat, so frei von Bitterkeit ist sie dabei. Abrechnungen sind ihre Sache nicht, aber auch zur Weinerlichkeit lässt sie sich beim Schreiben nicht hinreißen, so wenig wie sie „Pubertätsgefühle“ – ein Wort von ihr – in der Musik ausstehen kann. Aber auch die Erzählungen von Tatjana Geringas folgen noch immer dem literarischen Auftrag einer „Erziehung des Herzens“ – bestenfalls zur Weisheit.

Porträt Tatjana Geringas

Jan Brachmann

Ein früher Märznachmittag in Berlin: Es ist kalt, nass und windig. Wir sitzen gemütlich in der Küche bei David und Tatjana Geringas. Es ist das Haus, in dem die Dichterin Maria Zwetajewa eine Zeitlang lebte. Ich warte auf David, der noch zu tun hat. Wir sind zu einem Gespräch über Litauen und litauische Musik verabredet, und es gibt wenige, die darüber so fesselnd, aus eigener Erfahrung heraus erzählen können wie er – nicht nur, weil er in Vilnius geboren wurde, was allein noch nichts heißen muss, weil viele in Vilnius geboren wurden und trotzdem nichts zu erzählen haben. Nein, weil David so viele Komponisten kennt, als Cellist deren Werke zur Uraufführung gebracht hat und, wenn er in Stimmung kommt, als Kenner und Liebhaber von Joseph Brodsky auch herrlich fabulieren kann.
Während ich warte, hat Tatjana Tee gekocht. Sie ist Moskauerin, obwohl eigentlich in Klin, ein paar Kilometer von Moskau entfernt, geboren. Wir plaudern, so lange David im Nebenzimmer noch zu tun hat. In all der Behaglichkeit – und sie wächst mit jeder geleerten Tasse - werde ich so unvorsichtig, von Moskau zu schwärmen, wo ich einige Sommer verbracht habe. Zauberhaft sei es gewesen, Mitte Juni vom Petrowski Boulevard weiter zum Strastnoj Boulevard zu spazieren, rechts und links vom Fußweg die vielen Blumen, küssende Liebespaare auf den Bänken am Sommerabend, braungebrannte Jungs mit freiem Oberkörper, die Gitarre oder Saxophon spielen, ab und an ein graziles Mädchen auf einem stolzen Pferd beim abendlichen Ausritt und am Ende das Denkmal für Sergej Rachmaninow, der zwischen spät blühenden Tulpen auf einem Stuhl sitzt und auf das blühende Leben um ihn herum blickt.
„Ach, Jan“, sagt Tatjana. Wir reden uns nach russischer Sitte beim Vornamen an, bleiben aber beim Sie. „Ach, Jan“, sagt sie also und schüttelt den Kopf dazu. „Wenn Sie von Moskau erzählen, dann klingt das wie Musik von Schubert. Aber Moskau ist nicht so. Wenn ich nach Moskau komme, werden meine Knochen schwer wie Blei, ich kann kaum noch atmen und will gar nicht mehr das Zimmer verlassen. Moskau ist eine harte, eine bittere Stadt“.
Tatjana Geringas ist eine typische Moskauerin. Umstandslose Herzlichkeit verbinden sich bei ihr mit einem tief einverleibten Misstrauen gegenüber Sentimentalität. Leicht zu beeindrucken ist sie nicht, aber sie kennt auch keinen falschen Stolz. Wenn die Deutschen, die Russland zu lieben glauben, ohne es zu kennen, anfangen, von der „russischen Seele“ zu raunen, rollt sie mit den Augen: „Russische Seele! Was soll das sein? Das ist doch nichts als die Erfindung überspannter Figuren aus den Romanen von Dostojewski!“ Tatjanas Eltern arbeiteten beide im Tschaikowsky-Museum in Klin, dem letzten Sommerhaus von Peter Tschaikowsky. Auf Tatjanas Flügel in Berlin, sie ist eine Pianistin von großem Können und erlesenem Geschmack, steht heute noch ein altes Schwarzweißfoto, das sie selbst als drei- oder vierjähriges Mädchen zeigt auf dem Schoß eines lachenden alten Mannes mit Bart und weißem Anzug. Es ist Tschaikowskys Neffe, der Sohn von dessen Schwester Alexandra. Nur einen Händedruck also ist man von Tschaikowsky entfernt, wenn man Tatjana die Hand reicht. Liest man Zeugnisse, wie Tschaikowsky im geselligen Umgang war, dass er mit einfachsten Worten Dinge zu sagen wusste, die nie trivial waren, dann muss sich etwas von dieser Atmosphäre, von dieser Gabe auch auf Tatjana übertragen haben.
Wie das Leben in der Familie Schatz aussah, einer Musikerfamilie, in die Tatjana in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, Ende April 1945, hineingeboren wurde, das hat sie selbst in einer der Erzählungen dieses Bandes beschrieben – mit der Fähigkeit, sich in die Weltsicht eines kleinen Kindes zurückzuversetzen. Eines Kindes, das einfach nur verzaubert war, wenn der Vater, Schüler des großen Pianisten Heinrich Neuhaus, Klavier spielte; eines Kindes, das früh dem Ehrgeiz seiner Mutter standhalten musste; eines Kindes, das durch die Großmutter eingeführt wurde in ein christliches Brauchtum, das unter den Bedingungen des sowjetischen Staatsatheismus nur im Untergrund gepflegt werden konnte.
Tatjana Schatz wurde Pianistin wie ihr Vater, hatte den gleichen Lehrer wie er und setzte nach dessen Tod ihr Studium bei dessen Sohn Stanislaw Neuhaus fort. Am Konservatorium lernte sie einen jungen litauischen Studenten im Fach Violoncello kennen. Er beeindruckte sie, sie beeindruckte ihn. Und ehe er sich’s versah, bekam er einen Heiratsantrag von ihr. Da hatten sie beide das zwanzigste Lebensjahr erst knapp überschritten. David und Tatjana Geringas sind seit mehr als einem halben Jahrhundert ein Paar – im Leben wie in der Kunst. Vom frühen Besuch der Stunden bei Davids Lehrer Mstislaw Rostropowitsch bis zu den vielen Konzerten in aller Welt haben die beiden ein Leben geführt, das von der Liebe zur Musik bestimmt ist, aber immer auch dem Leistungs- und Verantwortungsdruck dieses Berufs ausgesetzt war.
Seit ein paar Jahren spielt Tatjana Geringas in der Öffentlichkeit nur noch selten, aber entdeckte plötzlich das Schreiben für sich. So ungewöhnlich ist das gar nicht, dass Pianisten schreiben. Alfred Brendel fing ja schon an, Gedichte zu veröffentlichen, als er noch auftrat. Ketil Bjørnstad schreibt Romane, Gedichte und Liedtexte, deren eigene Vertonungen er oft selbst zur Aufführung bringt. Und die aus Estland stammende Pianistin Käbi Laretei, zeitweise die Frau des schwedischen Regisseurs Ingmar Bergman, hat viele Bände mit Erzählungen und Erinnerungen veröffentlicht, während sie noch Konzerte gab.
Bei Tatjana Geringas kam der Impuls zum Schreiben ursprünglich aus dem Bedürfnis heraus, ihrem Sohn Alexander und dessen Töchtern etwas zu hinterlassen – die Geschichte der eigenen Jugend, der Umstände, unter denen sie und David sich 1975 zur Emigration aus der Sowjetunion entschlossen, des Neuanfangs in Deutschland, der ungeschönten Darstellung innerfamiliärer Verwerfungen voller Vorwürfe, überzogener Ansprüche und Enttäuschungen. „Meine Frau ist eine Schriftstellerin geworden“, sagte David eines Tages. Er war ziemlich erstaunt, aber auch stolz. „Wenn Sie mögen, dürfen Sie es lesen“, sagte mir Tatjana und gab mir ihre ersten Erzählungen.
Da ist die Geschichte eines Jungen, der unbedingt Pianist werden muss, weil seine Mutter es will, ohne dass er selbst eine Neigung dazu hätte. Aus ihr spricht die illusionslose Sicht einer professionellen Künstlerin, die oft genug erlebt hatte, dass Musik nicht für jeden Menschen das große Lebensglück sein muss und die schon lange nicht mehr dem Traum anhängt, dass Kunst uns zwingend zu besseren Menschen machen würde. Aber sie beschreibt dies alles, sogar in der beinahe bitteren Erzählung „Der Hut“, ohne Zynismus, ohne Sarkasmus, mit Distanz zwar, aber niemals ohne Empathie.
Diese Spannung aus Abstand und Mitgefühl erinnert an die Romane von Iwan Turgenjew, so wie die Atmosphäre von Tatjana Geringas’ Kindheitserinnerung von ferne auch Turgenjews Prosagedicht „Wie waren einst so schön, so frisch die Rosen“ nachklingen lässt – mit dem kleinen Pianino im Sommerhaus und der melancholischen Reflexion auf die Unwiederholbarkeit von Zeit. Tatjana Geringas beschreibt sehr klarsichtig, wie Menschen voreinander Theater spielen, wie sie sich ihre eigenen Bedürfnisse nicht eingestehen oder andere mit ihren Ansprüchen krankmachen. Sie beschreibt, wie Menschen sich selbst entgleiten und wie kein Glück der Welt helfen kann, ihnen Lebensfreude zu schenken. Aber sie beschreibt auch, wie das Glück sich oft anders einstellt, als Menschen es sich erwartet hatten: auf Umwegen, durch Überraschungen, aus Enttäuschungen, die Gutes bewirken. Anton Tschechow hatte diesen diagnostischen Blick auf den Menschen, ohne sein Mitgefühl für jene zu verlieren, die in ihren eigenen Täuschungen gefangen bleiben und sich dadurch sogar lächerlich machen.
Tatjana Geringas sagt, dass sie die Auseinandersetzung mit anderen literarischen Texten gar nicht suche. Meistens ist sie überrascht, wenn man ihr mit irgendeinem Vergleich kommt. Angeblich schreibt sie nur aus eigenem Beobachten und eigenem Erleben heraus. Aber dann kann es passieren, dass sie unvermittelt ein Ostergedicht von Igor Sewerjanin zitiert und damit nicht nur eine verblüffende literarische Bildung, sondern auch einen ausgesucht feinen Geschmack beweist. Es ist die reiche Bildung ihrer Kindheit und Jugend in Russland, tief abgesunken bis ins Unterbewusste, die ihre eigene Kreativität bis heute nährt – neben der Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Gegenwart. Durch Bildung und Ausbildung, Musik und Literatur hat Tatjana Geringas in sich selbst ein Land mitgenommen, das sie als Lebensraum nie besessen hat: das bessere Russland. „Alles, was gut und schön war an Russland, haben wir in uns mitgenommen in eine Welt, wo wir endlich frei atmen konnten“, sagt sie. Der Antisemitismus – David kommt aus einer jüdischen Familie, Tatjanas Vater auch – hatte ihnen neben der politischen Gängelung ihres Mentors Rostropowitsch, der sich für den Dissidenten Alexander Solschenizyn eingesetzt hatte, in der Sowjetunion das Leben schwer gemacht. Das waren die drückendsten Gründe gewesen, damals das Land zu verlassen. „Unsere alte Heimat hat uns weggestoßen, und eine neue hat uns umarmt“, beschreibt Tatjana Geringas ihre Erfahrung. Das Ineinander von Verlust und Befreiung, von Entfremdung und Erkenntnis hat sicher auch produktiv auf ihre Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, das Beobachtete sprachlich zu fassen, gewirkt. Man kann ihren Kommentaren zu Los Angeles die innere Spannung der Kulturen noch immer anmerken, gemildert durch eine gutmütige Selbstironie.
So spät Tatjana Geringas nach einem Leben als Musikerin nun ihre Stimme als Autorin gefunden hat, so frei von Bitterkeit ist sie dabei. Abrechnungen sind ihre Sache nicht, aber auch zur Weinerlichkeit lässt sie sich beim Schreiben nicht hinreißen, so wenig wie sie „Pubertätsgefühle“ – ein Wort von ihr – in der Musik ausstehen kann. Aber auch die Erzählungen von Tatjana Geringas folgen noch immer dem literarischen Auftrag einer „Erziehung des Herzens“ – bestenfalls zur Weisheit.

Discographie


«Unterwegs»


In diesem Buch findet der Leser Fragmente einer Biographie und Mosaiksteine eines vergangenen Jahrhunderts, Eindrücke aus Begegnungen mit Persönlichkeiten wie Stanislaw Neuhaus, Mstislaw Rostropowitsch, Herbert von Karajan, Maja Plissezkaja...

Wer Tatjana Geringas' Generation angehört und ihren Spuren folgt, wird an die eigene Geschichte erinnert, während junge Menschen vielleicht einen Eindruck davon bekommen, was das Leben ihrer Eltern in jenen Tagen bestimmt hat. Und sie werden ihre Freude daran haben, etwas davon in diesen Erinnerungen zu entdecken.

Deutsch

Auf Deutsch und Russisch erhältlich.

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Meisterkurse


25. – 31. März 2018
International Music Festival Buchenau 2018
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